Lesung

"Jedermann sei untertan: Deutscher Protestantismus im 20.Jahrhundert. Irrwege und Umwege." 

mit Karsten Krampitz (Historiker, Schriftsteller / Berlin)

 

Donnerstag, 30.11.2017 20.00 Uhr im Kirchencafé des Katholischen Pfarramts Leipzig-Lindenau (Karl-Heine-Straße 110, Leipzig) 

 

Die ersten vier Jahrhunderte ihrer Geschichte standen die evangelischen Kirchen unter dem „landesherrlichen Regiment“ und dementsprechend immer auf der Seite der Obrigkeit. Doch mit der Weimarer Reichsverfassung wurden die Kirchen in die Freiheit entlassen. Die Entwicklung des deutschen Protestantismus nach 1918/19, mit allen Irrwegen und Verwerfungen, ist von einer neuen Qualität.

Der Schriftsteller und Historiker Karsten Krampitz hat eine kritische Überblicksgeschichte der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) und ihrer Vorläuferorganisation geschrieben. Er beschäftigt sich mit deren Rolle als Sargnagel der Weimarer Republik und untersucht, warum sich kein anderes Sozialmilieu so offen und aufnahmebereit für die Ideologie der Nazis zeigte wie das kleinbürgerlich-evangelische. Anhand neuer Quellen und Dokumente erzählt er von der Mittäterschaft der Kirche an der Ermordung der europäischen Juden und entlarvt die Schilderung vom Widerstand der Bekennenden Kirche im Dritten Reich als Lebenslüge der EKD. Für die Zeit nach dem Krieg zeigt Krampitz, dass es auch in der Kirche keine Stunde Null gab und bis in die 1960er Jahre hinein die alten Eliten vorherrschten. Wie kam es dazu, dass sich die EKD für die Freilassung verurteilter Kriegsverbrecher einsetzte? In der Bekennenden Kirche hatte es viele mutige Frauen gegeben, Frauen wie Elisabeth Schmitz, Ina Gschlössl und Marga Meusel, die im Gottesdienst die politisch brisanten Fürbittenlisten verlasen, Bibelkreise aufbauten und Lebensmittelmarken und Lebensmittel sammelten für im Untergrund lebende „nichtarische“ Christen. Warum waren ihre Stimmen in der Nachkriegskirche nicht mehr zu hören? Und was die Männer der Bekennenden Kirche betrifft: Warum hat die Gruppe um Martin Niemöller, die in den 1950er-Jahren lautstark gegen die Wiederbewaffnung protestierte, nicht ein kritisches Wort gegen Hans Globke gesagt, den Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, den Adenauer 1953 zum Staatssekretär ernannte und an dem er ungeachtet aller (außerkirchlichen) Proteste festhielt?

Berichtet wird aber auch von der evangelischen Kirche in der DDR, einer Kirche in der ideologischen Diaspora, die an Mitgliederschwund litt, aber gleichzeitig immer mehr Zulauf bekam – ein Erbe, das die EKD nicht annimmt.

Im Jahr, in dem der Protestantismus sein 500-jähriges Bestehen feiert, gelingt Karsten Krampitz eine beeindruckende Darstellung des Weges der deutschen evangelischen Kirchen durch die Moderne.

 

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Vortrag 

"Spanische Hooligans und die Verbindung nach Deutschland"

von Ralf Born (Kunstpädagoge und Fußballexperte / Vigo, Spanien, Leipzig)

 

Mittwoch, 06.12.2017 10.00 Uhr 

 

- Inhalt folgt in Kürze -

 

 

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Vortrag 

"Antisemitismus im (ost)deutschen Fußball"

Referent: Ralf Fischer (Journalist / Berlin)

 

Mittwoch, 06.12.2017 19.30 Uhr 

 

,,Fußball in der Mauerstadt, Union spielt jetzt hinter Stacheldraht- was Neues in der DDR der BFC ist jetzt der Herr- Zyklon B für Scheiß Union – in jedem Stadion ein Spion- selbst Ordner sind in der Partei – Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei" - Sprechchor der BFC Dynamo Anhänger in den 80er Jahren.

Fußballstadien waren immer schon weit mehr als nur Orte, auf denen gekickt, gejubelt und getrauert wird. Im Guten wie im Bösen, ist dort mehr erlaubt, als außerhalb der Stadien gesellschaftlich toleriert wird. Hier dürfen Männer Emotionen und Verhaltensweisen zeigen, die sie andernorts unterdrücken mussten: Sie konnten nach Herzenslust weinen, sich umarmen und küssen, schief und laut singen, sich bunt anziehen und bis zur Lächerlichkeit verkleiden.

Der Freiraum Stadion erlaubt aber auch anderes: Hier darf – wie am Stammtisch – geschimpft und gepöbelt werden. Und im Osten der Republik wird davon gerne und ausgiebig Gebrauch gemacht. „Juden Jena“ oder „Juden Berlin“ waren schon zu DDR-Zeiten sehr beliebte Sprechchöre. Laut Bernd Wagner, in der DDR Leiter einer Polizeiabteilung die sich mit dem Phänomen Rechtsextremismus befasste, sammelten sich seit den 60er und 70er Jahren die reaktionärsten Teile der DDR-Gesellschaft in den ostdeutschen Fußballstadien. Das hat sich bis heute kaum geändert.

 

Der Referent berichtet über die Entwicklung des Antisemitismus im Fußball sowie speziell sein Ausdruck im ostdeutschen Milieu. Er fährt selbst seit Mitte der 80er Jahre regelmäßig zum Fußball und schreibt für verschiedene Zeitungen darüber.

 

 

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Interaktive Leseperformance  

"Wörterbuch des besorgten Bürgers" und andere Texte

mit Franziska Reif und Tobias Prüwer (Journalist_innen, Schriftsteller_innen / Leipzig)

 

Donnerstag, 07.12.2017 20.00 Uhr 

 

»Von »Asylindustrie« über »Merkeljugend« bis »Volkstod«: In Kreisen besorgter Bürger machen dieser Tage Begriffe die Runde, deren Unsinn nicht selbstverständlich ist. Dieses Wörterbuch kartografiert und kritisiert in 150 Einträgen den sprachlichen Zauber, der weite Teile der politischen Öffentlichkeit erfasst hat und der beharrlich mit stilisierten Ängsten spielt. Konsequent aus einer falschen Opferperspektive werden Tabubrüche inszeniert, um noch so derbe Zumutungen als verkannte Wahrheit zu deklarieren. In der multimedialen Lesung zeigen die Autoren an ausgewählten Begriffen beispielhaft, wie die Besorgensprache funktioniert, skizzieren deren Inszeneirungstategien und zeigen die oft unfreiwillige Komik dahinter auf.

 

 

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